Visarte.Wallis

Chronisten fliessender Welten

Visarte Wallis

Gemeinschaftsausstellung. Kurator Dino Rigoli und die Kunstschaffenden Carlo Schmidt, Helga Zumstein, Herbert Theler, Adelheid Sandhof, Denise Eyer-Oggier, Nikolaus Loretan, Esther Gischig, Sabine Kaeser, Elisabeth Fux Mattig, Bernd Kniel und Gustav Oggier (von links).
Foto: WB / Andrea Soltermann

14 Künstlerinnen und Künstler setzten sich in den letzten Monaten intensiv mit dem Werk von Albert Nyfeler auseinander. In einer spannenden Ausstellung im Alten Werkhof in Brig sind nun die Werke zeitgenössischer Kunstschaffender in Anlehnung an Albert Nyfelers Werk zu sehen.

In diesem Jahr jährt sich der Todestag von Albert Nyfeler zum 50. Mal. Für den Verein Albert Nyfeler war das Anlass, verschiedene Ausstellungen rund um den Zeichner, Maler, Sammler und Fotografen zu organisieren. Im Theater La Poste in Visp war vom Oktober 2018 bis März 2019 eine Ausstellung zu sehen, die seine Malerei präsentierte. Im Lötschentaler Museum kann «Nyfelers Welt» noch bis im März 2020 betrachtet werden. «Neben dem retrospektiven Blick interessierte mich, wie Albert Nyfeler im zeitgenössischen Schaffen verankert ist», sagt Dino Rigoli, Initiant und Kurator der Ausstellung «Albert Nyfeler aus heutiger Sicht» im Alten Werkhof in Brig. Es entstand die Idee, Visarte-Künstler einzuladen, die mit ihren Arbeiten Bezug zu Nyfeler nehmen und sein Werk zeitgenössisch interpretieren. «Damit stiess ich auf reges Interesse und eine grosse Offenheit bei den Kunstschaffenden.» 14 Künstlerinnen und Künstler setzten sich intensiv mit Albert Nyfeler auseinander. Gustav Oggier, Helga Zumstein, Bernd Kniel, Herbert Theler, Carlo Schmidt, Nikolaus Loretan, Sabine Kaeser, Adelheid Sandhof, Denise Eyer-Oggier, Elisabeth Fux Mattig, Esther Gischig, Jasha Kenneth Schmidt, Micha Bardy und Silke Pankin stellen nun gemeinsam zum Thema aus.

Sammler scheinbar unwichtiger Gegenstände

Albert Nyfelers Werk bietet vielseitige Möglichkeiten der Auseinandersetzung, denn der 1883 in der Nähe von Langenthal Geborene war mehr als der Maler des Lötschentals. Als 23-Jähriger kam er zusammen mit seinen Restauratoren- und Dekorationsmaler-Kollegen zum ersten Mal ins Lötschental: ein Tal, das ihn nie mehr losliess. Zwischen 1922 und 1923 baute er ein selbst entworfenes Atelierhaus in Kippel. In der Zeit seines Schaffens entstanden Tausende von Ölbildern, Skizzen, Zeichnungen, Aquarellen und Fotografien. Sie zeigen das Leben und Schaffen der Lötschentalerinnen und der Lötschentaler beim Handwerk, bei der Feldarbeit, bei Festen und Bräuchen, subtile Porträts und vor allem Landschaften. «Er sammelte scheinbar unwichtige Gegenstände aus den Haushalten, ohne wahrscheinlich wirklich zu wissen, dass sie später Altertumswert haben und Zeugen von vergangenen Zeiten sind. Vielleicht hat er es mit seinen künstlerischen Augen gesehen, mindestens aber sah er Schönheit und Form, Farbe und Material. Dadurch entstand eine ethnologisch wertvolle Sammlung, die später den Grundstock des Lötschentaler Museums bildete», sagte Dino Rigoli. Diese Vielseitigkeit bot den zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern ein weites Feld. In den letzten Monaten näherten sie sich auf individuelle Art und Weise dem Nachlass Nyfelers. Sie besuchten das Atelier, stöberten in Skizzen und Zeichnungen oder besuchten das Lötschentaler Museum und stiessen dort auf Inspirierendes.

Der Künstlerin Elisabeth Fux Mattig wurde der Zugang zu Nyfeler quasi in die Wiege gelegt. «Ich bin mit einem Nyfeler-Bild aufgewachsen. Meine Eltern erhielten das Bild eines Baumes als Hochzeitsgeschenk», erzählt sie. Faszinierend an Nyfeler findet sie, dass er draussen in der Natur gearbeitet hat. «Er stieg mit Leinwand und Staffelei die Berge hoch und malte bei Wind und Wetter.» Sie habe das auch schon versucht, es sei ihr aber nie gelungen, ein Werk unter diesen Umständen zu vollenden, sagt Elisabeth Fux Mattig lachend. Trotzdem zog sie ihre künstlerische Tätigkeit in die Berge. Sie begab sich zusammen mit weiteren Kunstschaffenden mehrere Tage in die Höhe. Dort gestaltete sie «LandArt». «Ich denke, dass ich auf diese Weise das Gefühl von Nyfeler, inmitten von Bergen zu malen, nachvollziehen kann.» Die vergängliche Kunst von Elisabeth Fux Mattig bleibt eine Weile in der Landschaft bestehen und geht dann wieder in sie über. In der aktuellen Ausstellung zeigt sie Fotos dieser flüchtigen Arbeiten.

Einen ganz anderen Ansatz wählte der Künstler Nikolaus Loretan. Er befasste sich allgemein mit den Bildern Nyfelers und reduzierte die Bilder auf deren Farben. «Ich wählte kein bestimmtes Werk aus, sondern nahm die Farben, mit denen Nyfeler arbeitete, zum Thema», erklärt Nikolaus Loretan. Diese Farbpalette übersetzte er in eine freie Farbarbeit.

Von Kartoffelschälerin zu «Couch-Potatos»

Helga Zumstein traf in der Nyfeler-Ausstellung im Theater La Poste auf das Bild der Kartoffelschälerin Aloisia Lehner. «Dieses Bild berührte mich mehr als die Landschaften. Die Berge habe ich vor der Haustür, die erregten meine Aufmerksamkeit weniger. Aber diese Frau weckte mein Interesse», sagt Helga Zumstein. Zu diesem Bild schuf sie für die Ausstellung ein Pendant. Wurden damals aus Kartoffeln «Gschwellti», Bratkartoffeln oder Rösti gemacht, sind sie heute das Basisprodukt, um Pommes-Chips, Pommes Duchesse oder Pommes frites herzustellen. In der heutige Zeit macht zudem der Begriff «Couch-Potato» die Runde, also das Klischee einer Person, die einen Grossteil ihrer Freizeit auf einem Sofa mit Fernsehen und Junkfood-Essen verbringt. Und so stellt Helga Zumstein Nyfelers Kartoffelschälerin Aloisia Lehner auf dem Ofenbänklein in der Ausstellung einem modernen Pommes frites essenden «Couch-Potato» auf einem Corbusier-Sessel gegenüber.

Gustav Oggier hat sich im Vorfeld im Nyfeler-Atelier in Kippel umgeschaut. Dabei stiess er auf Geräte und Objekte, mit denen Nyfeler gearbeitet hatte. Darunter ein Schädel und ein Projektor. Zu diesem Thema schuf er kleinformatige Mezzotinto-Tiefdrucke. «Ich kombinierte die Objekte mit einem Foto der ersten Mondlandung. Die Lötschentaler werden manchmal als hinter dem Mond lebend belächelt. Was natürlich überhaupt nicht stimmt. Die Lötschentaler haben ein wunderbares Museum, sind fortschrittlich und leben ihre Traditionen. Das hat mich beeindruckt und das kommt in meinen Arbeiten zum Ausdruck», sagt Oggier. Weitere Motive, die er in Blindprägungen umsetzte, fand er in Nyfelers Skizzenblättern.

Begrenztes weicht Weltumspannendem

Albert Nyfeler bildete mit seinen Fotografien das Leben der Lötschentaler Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts ab. Carlo Schmidt zeigt eine Installation, bei der Bilder des heutigen Lötschentaler Alltagslebens enthalten, jedoch unsichtbar sind. Dazu sammelte er Bilder, die Lötschentaler auf Facebook gepostet hatten. Diese Fotos schweisste er in ein Material unserer Zeit ein – Plastik – und brachte alles zusammen in eine künstlerische Form, die an einen Server-Arm eines gigantischen Rechenzentrums erinnert. Vielleicht wird man in ein paar Jahrzehnten sein Werk zerstören. Dann werden die Bilder der Lötschentaler in den frühen 2000er-Jahren zum Vorschein kommen.

«Ich bin erfreut, was aus der Auseinandersetzung der Visarte-Kunstschaffenden mit Nyfelers Werk entstand. Die breite Palette von Ausdrucksmöglichkeiten fügt sich zu einer spannenden, sehenswerten Ausstellung», sagt Kurator Dino Rigoli.

Nathalie Benelli / Walliserbote

Den eigenen Weg gehen

VENTHôNE. Das Château de Venthône bietet regelmässig Oberwalliser Kunstschaffenden Gastrecht. Dieses Frühjahr ist es Denise Eyer-Oggier, die hier ausstellen kann.

Die Natischer Künstlerin wartet hier mit einer Auswahl ihrer neuen Gemälde auf. Die Vernissage geht heute Freitag ab 18.30 Uhr über die Bühne, die Werkschau dauert dann bis zum 29. April und ist jeweils von Freitag bis Sonntag zwischen 15.00 und 18.00 Uhr geöffnet.Seit vielen Jahren schon bereichert Denise Eyer-Oggier mit ihren Gemälden die Kunstszene. Zahlreich sind denn auch die Ausstellungen, mit denen sie im In- und Ausland an die Öffentlichkeit trat. In Form und Farbe ausdrücken, was sie fühlt und sieht–so liesse sich auf kleinen Nenner bringen, was Denise Eyer-Oggier in ihrem Atelier in Brig macht. Dabei setzt sie sich mit dem menschlichen Wesen und der Natur auseinander, stellt sich den Fragen, welche die Welt ihrer Bewohnerschaft stellt, ist stets auf der Suche nach Antworten. «Jeder hat einen Weg– und diesen eigenen Weg gilt es zu gehen», bemerkt sie. «Aber man weiss nie, wohin er führt», fügt sie hinzu.
wb
06. April 2018, 00:00

…ins kroatische Brig

Künstler von visarte.wallis mit Eindrücken ihrer Reise aus Protest ins kroatische Brig

Kunstaktion führte ins fremde Brig

BRIG-GLIS | Oberwalliser Künstler haben im kroatischen Brig eine Ausstellung realisiert. Die Idee dazu entstand aus einer kritischen Diskussion heraus zu den Vorgaben der Triennale Wallis 2017. Wichtige Entscheidungsträger seitens kantonaler Kulturpolitik fehlten am Samstagabend im Zeughaus Kultur. Staatsrätin und Kulturdirektorin Esther Waeber-Kalbermatten liess sich immerhin entschuldigen.

Es ging bei der Veranstaltung einerseits um die kritische Auseinandersetzung mit der Rolle des Künstlers im heutigen Kulturbetrieb. Dies im Nachgang zur Manifestation von Oberwalliser Kunstschaffenden in Martinach anlässlich der Vernissage der Triennale 2017 Ende August. Die Oberwalliser Künstler hatten dort auf ihre Anliegen aufmerksam gemacht und als Ziel mehr Anerkennung und Wertschätzung für ihr Schaffen gefordert. «Was hat die Aktion gebracht? Wo stehen wir, was haben wir erreicht und wohin wollen wir?», standen denn im Zeughaus als zentrale Fragen im Raum.

Dabei merkte man: Die Künstler haben mit Unterstützung Medienschaffender einen Stein ins Rollen gebracht. Abschliessende Antworten konnten sie keine liefern. Es seien zumindest Kontakte geknüpft worden mit den Kulturverantwortlichen. Es gilt, am Ball zu bleiben, um es im Sportjargon auszudrücken. Sich auf dem bisher Erreichten auszuruhen, wäre falsch. Denn viel Nachhaltiges ist noch nicht erreicht. Immerhin steht ein Treffen mit der Staatsrätin und dem Dienstchef für Kultur an.

70 von 120 Einwohnern waren am Fest in der Ferne dabei

Reisen als zentrales Thema der Triennale inspirierte auch die Oberwalliser Kulturschaffenden. Dies bezeugten Koffern auf der Bühne. Diese waren mit anderen Werken und Künstlern ins kroatische Brig gereist.

Im Zeughaus hörte und sah man Eindrücke dieser Kunstreise ins kleine Dorf mit seinen 120 Einwohnern. Den Kunstschaffenden war dabei ebenfalls wichtig, ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen. Gegen 70 Personen nahmen im fremden Brig am Fest zur Ausstellung OD BRIG – DO BRIG mit Wein und Raclette teil. Ein viel gehörter Vorwurf in Kulturkreisen lautet, dass Künstler nur in der Fremde wahrgenommen werden. Deshalb und weil sie an der Triennale zu kurz kamen, hatten sie die Reise unternommen.

Denise Eyer-Oggier führte gemeinsam mit Helga Zumstein durch den Abend. Sie gaben sich zufrieden mit dem Echo. Und erklärten als ein wichtiges Hauptziel, dass an der Triennale Wallis 2020 auch Oberwalliser zum Handkuss kommen.

Walliser Boter 16.10.2017

Spurlos vorhanden

Manifestation von Kunstschaffenden aus dem Oberwallis

Die Koffer zurückgelassen

Eine Handvoll Oberwalliser Kunstschaffender hat am Samstag an der Vernissage der Triennale 2017 ein sichtbares Zeichen gesetzt. Mit alten Koffern samt Aufklebern und einem Schriftzug. Ihr erklärtes Ziel: mehr Anerkennung und Wertschätzung für ihr Schaffen. Grund für die recht kurzfristig auf die Beine gestellte Aktion war, dass kein einziger Oberwalliser Künstler an der Triennale rund um die Autobahnraststätte dabei ist. 30 Künstler aus dem Unterwallis, der Restschweiz und dem Ausland sind dort vertreten und stellen ihre Werke in diesem doch eher widersprüchlichen Umfeld aus. Die A9-Autobahnraststätte ist Hauptort der vierten Triennale für zeitgenössische Kunst.

Staatsrätin und Kulturdirektorin Esther Waeber-Kalbermatten gibt sich im WB-Interview überrascht über den speziellen Standort und das Manifest der Künstler aus dem Oberwallis. Die Kuratoren hätten für diese Triennale so entschieden, und vor drei Jahren in Turtmann seien die Oberwalliser gebührend zum Zug gekommen. Sie rät den Künstlern: «Sucht das Gespräch und macht nicht die Faust im Sack.»

Walliser Bote 28. August 2017

mehr dazu: WB Stammtisch und SRF Regional

Begegnungen mit Kunst

…gehen fast durchwegs in Galerien über die Bühne. Und nicht oft ist dort zu treffen, wer diese Kunstmachte.

Logisch ist, dass nicht jeder Kunstschaffende eine Ausstellung lang in einer Galerie zu weilen vermag, dass er dort Interessierten ständig Rede und Antwort stehen kann. Schliesslich müssen auch Künstlerinnen und Künstler arbeiten – auch in jenen Zeiten, in denen sie gerade irgendwo ihr Schaffen präsentieren.

An zwei Tagen während sechs Stunden

Begegnungen der persönlichen Art mit Kunst und Kunstschaffenden – diese Möglichkeit bietet die Vereinigung «visarte.wallis» Kunstinteressierten diesen Herbst während dreier Wochenenden. Im Unter- und Mittelwallis gehören die diesjährigen «Tage der offenen Ateliers» bereits der Vergangenheit an, im Oberwallis
stehen sie vor der Tür: Sieben Künstlerinnen und Künstler sind es, welche am kommenden Samstag und Sonntag in ihren Ateliers auf Besucherschaft warten.
Glaskünstler Bernd Kniel in Naters, die Kunstmalerinnen Denise Eyer-Oggier in Brig und Helga Zumstein in Glis sowie der Künstler Gustav Oggier in Turtmann öffnen am Wochenende zwischen 12.00 und 18.00 Uhr ihre Ateliers; gleich drei Kunstschaffende – Heinrich Gartentor, Sabina Kaeser sowie Rittiner&Gomez – ermöglichen zur selben Zeit Kunstfreundinnen und -freunden in den Räumlichkeiten des ehemaligen Hotels Post in Turtmann Einblicke in ihr kreatives Schaffen.

Wie eine Idee auf die Leinwand kommt…

Sehen, wo Kunst das Licht der Welt erblickt, riechen, was Farbtuben und Malmittel so an Geruch verbreiten, sich erklären lassen, wie eine Idee den Weg auf die weisse Leinwand findet, ins Gespräch kommen mit Leuten, die Kunst machen – all dies ist am Samstag und Sonntag angesagt.
Was dabei garantiert werden kann: Persönliche Gespräche mit Künstlerinnen und Künstlern sind stets anregend und bereichernd – und wer den Kunstschaffenden persönlich kennenlernen durfte, sieht dessen Werke dann später ein wenig anders als bis anhin.

walliserbote